
«Wer ist der Mensch neben dir?»
Bei meinem letzten Besuch im Impact Hub Bern bin ich an dieser Frage hängen geblieben. Auf den Lift wartend stand ich vor einem Postkarten-Display und konnte meinen Blick nicht von der violetten Karte mit exakt dieser Frage abwenden. Als der Lift da war, nahm ich die Postkarte kurzerhand mit. Seither steht sie bei mir auf dem Schreibtisch. Fast täglich fordert sie mich heraus.
Wer ist der Mensch neben dir?
So einfach die Frage, so existenziell ist sie doch in ihrer Aussage. Existenziell deshalb, weil die Frage nach dem Menschen das Denken in Rollen und Beurteilen nach Funktionen durchbricht.
Und so hat mir die violette Postkarte schon in manchen Alltagsmomenten nicht nur die Augen sondern meine ganze Wahrnehmung geöffnet.
- Wann haben Sie bspw. den Menschen, der seit drei Monaten in Ihrem Quartier bei Wind und Wetter am Belag arbeitet, zuletzt als Mensch wahrgenommen, nicht als Strassenbauer?
- Oder haben Sie z.B. Ihre Hairstylistin, die Sie seit mehreren Jahren alle 4 – 6 Wochen verschönert, schon einmal als Mensch fernab ihres Berufsbildes betrachtet?
- Und wie gut kennen Sie die Menschen wirklich, die sich tagtäglich in Ihrem Team für Ihr Unternehmen einsetzen? Nicht den «Head of …», die «Leiterin …» oder «den*die Sachbearbeiter*in», sondern den Menschen hinter dieser Rolle / Funktion…
Wahre Aufmerksamkeit ist eine Form von Respekt. Eine seltene, fast schon radikale Haltung, sich selbst zurückzunehmen, um wirklich hinzusehen und sein Gegenüber als Menschen wahrzunehmen, ohne sofort zu urteilen oder einzuordnen. So beschrieb die französische Philosophin Simone Weil (1909 – 1943) Aufmerksamkeit in ihrer grosszügigsten Form.
Manchmal erinnert mich unser Arbeitsalltag an eine Bushaltestelle an einem Regentag. Wir stehen eng nebeneinander unter einem Dach. Geschützt von unwirtlichen Bedingungen im Aussen warten wir zusammen auf den Bus (oder bessere Zeiten) und doch ist jede*r für sich allein.
Vielleicht liegt genau hier der Schlüssel für eine zukunftsfähige, wirksame Führungsphilosophie: Nicht in der nächsten Entscheidung für noch effizientere Workflows, sondern in der echten Aufmerksamkeit für die Menschen neben uns.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen schöne & erholsame Ostertage.
Herzlich,
Sarah Meier-Bieri
